Die Benennung des Helmstedter Bahnhofsvorplatzes in Fred-Woitke-Platz ist ein Zeichen der Erinnerung und eine Mahnung. Das Grenzregime der DDR war Ausdruck einer menschenverachtenden Weltanschauung, die auch heute nicht verschwunden ist. Umso wichtiger ist es, die Opfer aus der Anonymität zu holen und ihnen ein Gesicht zu verleihen. Dies war die Botschaft, die der Helmstedter Bürgermeister Wittich Schobert am Samstag, 13. September 2025, an die Gäste der feierlichen Widmung adressierte.
Mit einer Informationstafel am Fred-Woitke-Platz macht der Verein Grenzenos - Wege zum Nachbarn e.V. seit diesem Tag die kurze Lebensgeschichte Fred Woitkes sichtbar. Gleichzeitig wird versucht, den schrecklichen Tod des jungen Familienvaters begreifbar zu machen. Der Name Fred Woitkes soll das Interesse an die Zeit der deutschen Teilung wecken und die historischen Fakten mit lokalem Erleben verbinden.
Ein weiteres Ansinnen in diesem Zusammenhang ist, den Bahnhof Helmstedt als einen authentischen Ort der Grenzgeschichte ins Bewusstsein der gegenwärtigen Generationen zu rücken. Fluchtereignisse und Freiheitsjubel fanden hier - vielfach vergessen - vor den Augen der Weltöffentlichkeit statt. Die Widmung des Platzes erlaubt dem städtischen Gedächtnis, das Leid der deutschen Teilung und die tragischen Schicksale der Grenzopfer dauerhaft präsent zu halten.
Der Mann, der an der Grenzübergangsstelle Marienborn im April 1973 im Kugelhagel starb, wollte im Westen seine Lebensträume verwirklichen: mit einer eigenen Werkstatt wirtschaftlich selbstständig sein und frei reisen. Diesen Traum bezahlte er mit seinem Leben. Wie Hunderte DDR-Bürger, die den Mut aufbrachten, einen Fluchtversuch zu wagen. Damit wurden sie für das SED-Regime zu Verbrechern, Staatsfeinden, ja Terroristen.
Fred Woitke erlernte nach seiner Schulzeit das Handwerk des Zimmermanns. Zuletzt arbeitete er in der Straßenmeisterei Eisenhüttenstadt. Er war verheiratet, Vater von zwei kleinen Töchtern, Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, Handballer und Musiker. Enttäuscht über die politischen Verhältnisse fasste er mit 23 Jahren den Entschluss zu fliehen.
Gemeinsam mit zwei Kollegen reifte ein Plan: Die drei Männer machten sich mit einem eigens präparierten Lastwagen der Straßenmeisterei auf den Weg in Richtung Westen. Mitten in der Nacht erreichten sie den Grenzübergang Marienborn. Zwei Schlagbäume durchbrachen sie problemlos, doch die ausgelöste Straßenrollsperre beendete ihre Fahrt. Unter dem Feuer der Grenztruppen versuchte Fred Woitke, die Flucht zu Fuß fortzusetzen. Vergebens.
Nicht nur die Flucht Fred Woitkes selbst sollte als Anregung dienen, sich mit dem Leben in einem autoritären Staat auseinanderzusetzen. Ebenso bezeichnend für die Denk- und Arbeitsweise des SED-Regimes ist der Umgang mit den Hinterbliebenen.
Für Fred Woitkes Familie, insbesondere seine Mutter, begann nach dessen Tod ein langer Kampf um Wahrheit und Würde. Mutter und Ehefrau wurden durch die Behörden drangsaliert; So wurde der Familie zunächst mitgeteilt, dass Woitke bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Die Trauerfeier fand unter strengen Auflagen statt und wurde durch das Ministerium für Staatssicherheit überwacht.
In den Stunden nach dem misslungenen Fluchtversuch hatten Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit in kurzer Zeit ein Bild der drei Männer gezeichnet, die das MfS als Terroristen ansah. Dafür wurden Hintergrundinformationen über die Beteiligten und ihre Eltern zusammengetragen, Kollegen befragt und Wohnungen durchsucht. In ihren Akten legte die Staatssicherheit die Spur dreier Männer aus vermeintlich ungeordneten und staatsfeindlichen Verhältnissen. Währenddessen verbreiteten die Medien in der BRD die Wahrheit über das Ereignis.
Zwei der fünf Grenzsoldaten, die in der Todesnacht am Einsatz in Marienborn beteiligt waren, erhielten später die „Medaille für vorbildlichen Grenzdienst“, drei erhielten Geldprämien für ihr Handeln. Als nach der Wiedervereinigung die Behörden gegen die beteiligten Grenzer ermittelten, konnte keine individuelle Tötungsabsicht nachgewiesen werden. Das Verfahren wurde eingestellt.
Die Initiative zur Widmung und zur Benennung des Platzes nach Fred Woitke ging von Michael Teupel aus. Sein Vorschlag, eine Straße oder einen Platz nach einem Opfer des Grenzregimes zu benennen, stieß auf große Zustimmung. Die Verwaltung der Stadt Helmstedt schlug dafür den Bahnhofsvorplatz vor. Aufgrund der räumlichen Nähe des Todesortes galt Woitke als würdiger Namensgeber. Ende März 2025 fasste der Rat der Stadt Helmstedt einen einstimmigen Beschluss zur Widmung des Platzes.
Zu den Ehrengästen der feierlichen Benennung des Fred-Woitke-Platzes zählten unter anderem eine Tochter Fred Woitkes, die Niedersächsische Innenministerin Daniela Behrens, und Initiator Michael Teupel. Das öffentliche und mediale Interesse war groß: An der feierlichen Enthüllung der Informationstafel zur Geschichte Fred Woitkes sowie des Grenzbahnhofs Helmstedt nahmen viele interessierte Menschen teil.
In ihrem Grußwort unterstrich Daniela Behrens das Engagement der Stadt Helmstedt für eine lebendige Erinnerungskultur. Michael Teupel sprach über den langen Weg zur Anerkennung der Grenzopfer und hob den besonderen Wert der Namenswidmung als „wachsendes Mahnmal“ hervor. Mit der Präsentation von Originaldokumenten aus dem Besitz Fred Woitkes ging Teupel den nächsten Schritt. Diese persönlichen Dokumente wurden bisher im Bundesarchiv verwahrt und einige Tage nach der Widmung des Fred-Woitke-Platzes an das Zonengrenzmuseum Helmstedt übergeben. Darunter ist auch der Sozialversicherungsausweis des Todesopfers, der ein Durchschussloch direkt im Wappen der DDR aufweist.
Im direkten Anschluss an die feierliche Widmung des Fred-Woitke-Platzes versammelten sich die Gäste in der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn, dem einstigen Grenzübergang und Todesort von Fred Woitke. Im Mittelpunkt der Gedenkfeier stand das persönliche Erinnern: die Erinnerung an einen jungen Familienvater, der mehr wollte als ein Leben in einer engen, sozialistischen Diktatur und dem deshalb mit gnadenloser Gewalt begegnet wurde. Fred Woitke ist ein Beispiel für viele Menschen, die an der innerdeutschen Grenze zerbrachen.
Mit einem stillen Gedenken an der Straßenrollsperre—jener Vorrichtung, die den Fluchtversuch Woitkes und seiner Kollegen abrupt beendete – fand die Feier einen würdigen Abschluss. Eine Gedenkminute gab der Traurigkeit und dem Respekt vor dem Mut der Opfer Raum.
Mit der Widmung wurde der Fred-Woitke-Platz Mahnmal, Denkmal und Lernort zugleich. Die Benennung fordert zur Wachsamkeit gegenüber staatlicher Willkür auf. Ziel der Widmung ist es auch, lokale und überregionale Identität zu verbinden, die Opfer zu ehren, dahinter stehende Schicksale aus der Anonymität zu holen, die Bedeutung des Bahnhofs Helmstedt als historischen Ort für Flucht und Freiheit zu betonen und die Verantwortung für den Schutz demokratischer Werte nachhaltig im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern. Es wurde ein Raum geschaffen, der persönliche Empathie, politische Wachsamkeit und historsche Bildung vereint
Mit der Widmung des Fred-Woitke-Platzes leistet Helmstedt einen wichtigen Beitrag zur deutschen Erinnerungskultur und schafft einen Raum, der persönliche Empathie, politische Wachsamkeit und historische Bildung vereint.
Die Informationstafel als Herzstück des Fred-Woitke-Platzes als historischer Ort der Grenzgeschichte, des Erinnerns und der Bildung wurde gefördert durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und aus Spendenmitteln der Erbengemeinschaft Heimpel.